Welche Rolle spielt Holz im Wohnraum
- 4. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Darum ist Holz im Wohnraum so beliebt
Räume sind mehr als die Summe ihrer Funktionen. Sie beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie gut wir schlafen, wie konzentriert wir arbeiten. Die Wahl der Materialien spielt dabei eine grössere Rolle, als viele vermuten. Holz gehört zu den wenigen Werkstoffen, deren Wirkung auf Körper und Psyche nicht nur subjektiv wahrgenommen, sondern auch wissenschaftlich messbar ist.
Gerade im Wohnraum zeigt Holz, dass Materialität weit über reine Ästhetik hinausgeht. Es prägt Raumklima, Akustik, Haptik und die emotionale Wahrnehmung eines Ortes.
Dieser Artikel fasst aktuelles Wissen der Forschung zu Holz im Lebensraum zusammen – ohne Heilsversprechen, aber mit klaren Erkenntnissen darüber, was Holz als Innenraum-Material leistet.

Warum reagieren wir überhaupt auf Materialien?
Menschen reagieren auf ihre Umgebung nicht nur visuell, sondern multisensorisch. Materialien senden Signale über Haptik, Temperatur, Akustik und visuelle Struktur. Das Gehirn verarbeitet diese Reize und ordnet sie ein – oft unbewusst, aber mit messbaren physiologischen Folgen.
Holz wird dabei anders verarbeitet als synthetische Materialien. Die natürliche Maserung, die warme Oberfläche und die geringe Wärmeleitfähigkeit aktivieren Areale im Gehirn, die mit Naturerfahrung, Sicherheit und Erholung verbunden sind. Diese Mechanismen sind Teil des biophilen Designs – der Annahme, dass Menschen eine evolutionär bedingte Affinität zu natürlichen Elementen haben. Vermutlich fassen wir verarbeitete Holzoberflächen deshalb so gerne an.

Was bewirkt Holz tatsächlich? Fünf wissenschaftlich belegte Effekte
1. Stressreduktion durch messbaren physiologischen Einfluss
Mehrere Studien zeigen, dass der Kontakt mit Holzoberflächen eine unmittelbare Wirkung auf das vegetative Nervensystem hat. In kontrollierten Experimenten wurde bei Probanden in holzverkleideten Räumen eine signifikante Senkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks festgestellt – verglichen mit Räumen aus Metall, Kunststoff oder Beton (Ikei et al., 2017; Tsunetsugu et al., 2007).
Die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, das für Stressreaktionen zuständig ist, fällt in Holzumgebungen nachweislich geringer aus. Diese Effekte treten bereits nach wenigen Minuten ein und verstärken sich bei längerer Exposition.
Einordnung: Holz wirkt nicht therapeutisch im medizinischen Sinn, aber es schafft Rahmenbedingungen, die Erholung begünstigen. In Wohnräumen, in denen Menschen täglich viele Stunden verbringen, kann dieser Effekt langfristig relevant werden.
2. Förderung parasympathischer Aktivität – der Gegenspieler von Stress
Der Parasympathikus ist der Teil des Nervensystems, der für Regeneration, Verdauung und Ruhe zuständig ist. Studien aus Japan und Österreich zeigen, dass Holz die parasympathische Aktivität erhöht – ein Zustand, der auch bei Spaziergängen im Wald oder in natürlicher Umgebung auftritt (Burnard & Kutnar, 2015; Sakuragawa et al., 2008).
Dieser Effekt ist nicht nur subjektiv spürbar, sondern über Herzfrequenzvariabilität (HRV) objektiv messbar. Eine höhere HRV gilt als Indikator für Erholungsfähigkeit und Stressresilienz.
Einordnung: Holz im Innenraum bringt keine Natur ins Haus, aber es nutzt ähnliche neurologische Mechanismen wie der Kontakt mit natürlicher Umgebung. Das macht es zu einem wirksamen Element im Rahmen biophilen Designs.
3. Psychologisches Wohlbefinden und Raumwahrnehmung
Holzräume werden nicht nur als angenehmer bewertet – sie verändern die gesamte Wahrnehmung eines Raumes. Untersuchungen zeigen, dass Menschen Räume mit Holzoberflächen als wärmer, harmonischer, beruhigender und ästhetisch hochwertiger empfinden als Räume mit synthetischen Materialien . Interessant ist, dass dieser Effekt über kulturelle Grenzen hinweg nachweisbar ist und sich auch bei Menschen zeigt, die bewusst keine besondere Affinität zu Holz angeben.
Einordnung: Die emotionale Bewertung von Räumen hat direkten Einfluss darauf, wie gerne wir uns dort aufhalten. Holz trägt dazu bei, dass Räume als Rückzugsorte funktionieren – nicht nur visuell, sondern auch atmosphärisch.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352710225016663?utm_source=chatgpt.com
4. Kognitive Leistung und mentale Ermüdung
Holz kann auch Konzentration und kognitive Leistung beeinflussen. In Studien mit Büro- und Schulräumen wurde gezeigt, dass Teilnehmer in holzverkleideten Umgebungen weniger mentale Ermüdung zeigten und ihre Arbeitsumgebung positiver bewerteten (Fell, 2010; Augustin et al., 2015).
Die Hypothese: Holz reduziert unbewusste visuelle und sensorische Reizüberflutung. Glatte, reflektierende oder farblich aggressive Materialien fordern das Gehirn stärker – Holz wirkt neutralisierend, ohne monoton zu sein.
Einordnung: Für Arbeitsbereiche, Home Offices oder Kinderzimmer bedeutet das: Materialwahl ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Faktor für Nutzungsqualität.
5. Raumklima und subjektiv empfundene Luftqualität
Holz ist hygroskopisch – es nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Dieser Puffereffekt trägt dazu bei, Schwankungen der relativen Luftfeuchtigkeit auszugleichen. Untersuchungen zeigen, dass Menschen in Holzräumen die Luftqualität als besser bewerten, auch wenn die objektiven Messwerte ähnlich sind wie in Vergleichsräumen.
Zudem wird die thermische Behaglichkeit positiv beeinflusst, da Holz eine geringe Wärmeleitfähigkeit hat und sich dadurch wärmer anfühlt als Stein oder Metall.
Einordnung: Gutes Raumklima ist nicht nur messbar, sondern muss sich auch richtig anfühlen. Holz leistet beides – mit physikalischen Eigenschaften und psychologischer
Wirkung.

Warum Innenarchitektur mehr ist als Gestaltung
Lange wurde Innenarchitektur primär als ästhetische Disziplin verstanden. Die Forschung zeigt: Raumgestaltung ist auch ein Faktor für Gesundheit, Erholung und Lebensqualität. Holz ist dabei kein Wundermaterial, sondern ein Element, das in einem durchdachten Raumkonzept seine Wirkung entfaltet.
Entscheidend ist nicht nur, dass Holz vorhanden ist, sondern wie es eingesetzt wird. Proportionen, Lichtführung, Farbgebung, Oberflächenbehandlung und die Kombination mit anderen Materialien bestimmen, ob ein Raum als stimmig empfunden wird. Holz wirkt dann am stärksten, wenn es nicht isoliert steht, sondern Teil eines ganzheitlichen Konzepts ist.
Für Bauherr:innen und Eigenheimbesitzer:innen bedeutet das: Innenarchitektur sollte nicht erst nach dem Bau, sondern von Anfang an mitgedacht werden. Wer früh plant, kann Raumwirkung gezielt gestalten – anstatt sie dem Zufall zu überlassen.
Fazit: Holz ist kein Trend, sondern ein messbarer Qualitätsfaktor
Die Forschung ist eindeutig: Holz im Wohnraum hat nachweisbare Effekte auf Herzfrequenz, Nervensystem, Stressempfinden, Konzentration und Raumwahrnehmung. Diese Wirkungen sind nicht metaphorisch, sondern physiologisch und psychologisch messbar.
Holz ist kein Lifestyle-Attribut, sondern ein Material, das Räume lebenswerter macht. Es schafft keine Wunder, aber Rahmenbedingungen, die Erholung, Konzentration und Wohlbefinden begünstigen. In Zeiten, in denen Menschen immer mehr Zeit in Innenräumen verbringen, gewinnt diese Eigenschaft an Bedeutung.
Wer Räume plant, die langfristig funktionieren sollen, trifft mit Holz eine Entscheidung, die über Jahrzehnte trägt – funktional, atmosphärisch und gesundheitlich.
Quellen & weiterführende Literatur
Ikei, H., Song, C., & Miyazaki, Y. (2017). Physiological Effects of Wood on Humans: A Review. Journal of Wood Science, 63(1), 1–23. https://doi.org/10.1007/s10086-016-1597-9
Tsunetsugu, Y., Miyazaki, Y., & Sato, H. (2007). Physiological Effects in Humans Induced by the Visual Stimulation of Room Interiors with Different Wood Quantities. Journal of Wood Science, 53(1), 11–16. https://doi.org/10.1007/s10086-006-0812-5
Burnard, M. D., & Kutnar, A. (2015). Wood and Human Stress in the Built Indoor Environment: A Review. Wood Science and Technology, 49(5), 969–986. https://doi.org/10.1007/s00226-015-0747-3
Sakuragawa, S., Miyazaki, Y., Kaneko, T., & Makita, T. (2008). Influence of Wood Wall Panels on Physiological and Psychological Responses. Journal of Wood Science, 54(2), 107–113. https://doi.org/10.1007/s10086-007-0915-7
Rice, J. S., Kozak, R. A., Meitner, M. J., & Cohen, D. H. (2006). Appearance Wood Products and Psychological Well-Being. Wood and Fiber Science, 38(4), 644–659. https://wfs.swst.org/index.php/wfs/article/view/332
Nyrud, A. Q., Bringslimark, T., & Bysheim, K. (2010). Benefits from Wood Interior in a Hospital Room: A Preference Study. Architectural Science Review, 53(3), 252–260. https://doi.org/10.3763/asre.2009.0031
Fell, D. R. (2010). Wood in the Human Environment: Restorative Properties of Wood in the Built Indoor Environment. PhD Thesis, University of British Columbia. https://open.library.ubc.ca/collections/ubctheses/24/items/1.0071305
Augustin, S., et al. (2015). How Wood Surfaces Affect Human Perception: A Review. BioResources, 10(1), 1-34. https://bioresources.cnr.ncsu.edu/resources/how-wood-surfaces-affect-human-perception-a-review/
Schwaiger, H., Zimmer, B., & Haase, S. (2013). Holz und menschliches Wohlbefinden. Bauphysik, 35(1), 1–7. https://doi.org/10.1002/bapi.201310058


